Startseite

Kritiken / Weblog

Programmhefte

Essays

Zeitgenossen

Kurioses

Radio

Vita

Impressum

Kontakt

Musik über Musik über Musik

Neues von Jörg Widmann

Beitrag für die Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Ausgabe September/Oktober 2008
  
"Neues Werk" – nur soviel steht in der Konzertvorschau für den 4. Oktober, wenn das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter seinem Chefdirigenten Mariss Jansons zwei Beethoven-Symphonien und eine Novität von Jörg Widmann spielt. "Neues Werk" – bei dieser Bezeichnung bleibt es einstweilen. Denn Widmann arbeitet noch fieberhaft daran. Was sich jetzt schon sagen lässt, verrät der Komponist im Gespräch mit Verena Großkreutz. Fest steht: Beethoven spielt dabei eine gewaltige Rolle. Und nicht zufällig erklingt das "Neue Werk" in einem Programm mit Beethovens Siebter und Achter.
Auf die Minute pünktlich klingelt das Telefon. Wie versprochen ist Jörg Widmann am Apparat. Er sitzt noch im TGV von Paris nach Saarbrücken, der zwei Stunden Verspätung hat. In Saarbrücken probt gerade die Deutsche Radio Philharmonie Widmanns "Messe für großes Orchester". Vor ein paar Tagen war er noch in Leipzig, wo er mit dem Gewandhausorchester den "Dritten Doppelgesang" seines früheren Lehrers Wolfgang Rihm aufgeführt hat – als Klarinettist.
Die Fahrten zwischen den Städten und ihren Konzertsälen kreuzen immer wieder Freiburg, wo der 35-Jährige seit 2001 eine Professur für Klarinette innehat. Widmann ist erfolgreich. Er hat sich nicht nur als einer der besten Klarinettisten unserer Zeit etabliert, sondern auch als einer der bedeutendsten Komponisten. So wurde seine Oper "Das Gesicht im Spiegel" von der Zeitschrift "Opernwelt" zur wichtigsten Uraufführung der Spielzeit 2003/04 gewählt.
Fieberhaft an der Arbeit
Ohne lange Vorrede kommt Widmann zur Sache. Ob es um das Stück gehe, das er für Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks schreibe? Und ist sofort drin im euphorischen Redefluss. Das Stück sei noch nicht fertig, aber er sitze derzeit "fieberhaft" darüber.
Widmanns noch namenloses Werk wird in einem Programm mit Beethovens 7. und 8. Symphonie Ende September in München uraufgeführt. In dieser Konstellation wird es auch am 4. Oktober in Wien zu hören sein. Mariss Jansons’ Wunsch sei es gewesen, dass sein Stück etwas mit diesen Symphonien zu tun habe. "Ich finde solche Anregungen immer sehr, sehr schön, eben nicht einengend. Als Interpret pflege ich ja ohnehin einen sehr intensiven Austausch mit den Komponisten vergangener Zeiten", sagt Widmann.
Ob als Klarinettist oder Komponist: Widmann setzt auf gemischte Programme, auf das Nebeneinander von Altem und Neuem, die Offenlegung von Bezügen. Reine Barockkonzerte oder reine Neue-Musik-Konzerte interessieren ihn nicht. Die Mischung mache es – das ist sein Credo für das Überleben des Konzertwesens. Man müsse das Publikum ernst nehmen und fordern. Auch wenn Unvereinbares erklinge. Das spiegle doch das Leben wider.  
Süchtig nach der Achten
Mariss Jansons rannte also offene Türen ein, als er Widmann seine Wünsche darlegte. Wie er denn eigentlich zu den beiden Beethoven-Symphonien stehe? "Die Siebte war die erste Musikkassette, die ich als Kind geschenkt bekommen habe. Das werde ich nie vergessen. Sie hat sich eingebrannt. Das ist bis zum heutigen Tag meine Lieblingssymphonie von Beethoven", sagt Widmann enthusiastisch. "Aber ein Stück wie die Achte, so eine knappe haydnsche, von nichts angekränkelte Musik, wo es keine negative Note gibt, das hätte mich früher nicht interessiert. Mich reizen eher Werke wie Mahlers Sechste. Die dunklen, abgründigen, die extremen Werke, die in den Exzess gehen." Aber während der Beschäftigung mit der Achten sei er schnell "süchtig" geworden. "Dieser Furor, dieses oft geradezu Wütende, Böse in der Musik bei aller Heiterkeit, das interessiert mich als modernen Komponisten doch sehr."
Wird sich sein Stück nun mit der Siebten oder der Achten oder gar beiden auseinandersetzen? "Zunächst sollte es um die Siebte gehen. Aber jetzt hat es doch sehr viel mit der Achten zu tun. Mit dieser Knappheit. Da ist keine Note zuviel. Da ist ja die Siebte fast episch dagegen. Die Achte ist das erste postmoderne Stück, provokant gesagt. Das ist die erste Musik über Musik. Der dritte Satz ist doch kein Menuett mehr, sondern ein Menuett über das Menuett."
Diese unglaublichen Übergänge …
Widmanns kompositorischer Kommentar zu Beethovens Achter soll natürlich "was Eigenes" werden, ein Stück, das außerhalb des Beethoven-Kontextes für sich stehen kann. "Es wird keine Stilkopie oder so etwas, und ich arbeite ohne Zitate. Ich halte mich aber an die Besetzung Beethovens. Keine exotischen Instrumente. Es wird ein knappes, kurzes Stück, mit Allegro-Charakter, konzentriert auf engstem Raum, mit peitschendem Puls und vielen Taktwechseln", erklärt er. Welcher Aspekt ihn an der Achten denn am meisten interessiere? "Ich möchte mein Stück über diese unglaublichen Übergänge schreiben. Wie Beethoven zum Beispiel die Tonika erreicht. Es gibt diese Stelle in der langen Durchführung des ersten Satzes, wo er sich festbeißt an einem Motiv.
Man denkt, wo führt das bloß hin? Natürlich in die Reprise, wie in jeder vernünftigen Symphonie. Es führt auch nach F-Dur, der Grundtonart, deren Eintritt markiert wird durch ein dreifaches Forte. Aber das ist nicht die Reprise. Die kommt erst acht Takte später in ganz scheinheiliger Weise, im Piano", sagt Widmann. Überhaupt diese Sforzati, die ständig das Metrum unterwandern. "In meiner Partitur wird es vor Sforzati nur so wimmeln. Eine scheinbare Regel ständig zu unterlaufen und zu durchbrechen. Das ist Beethoven. Er nimmt die Formen, aber macht das Gegenteil daraus."
Scharfe Schnitttechnik
Eigentlich gehöre aber seine Herzensliebe gar nicht Beethoven, sondern Mozart, Brahms, Schumann. "Aber wie sich meine Musik, meine Sprache gerade verändert, ist das ganz symptomatisch, dass mich jetzt auch andere Sachen interessieren." Und da kommt ihm Beethoven gelegen: "Seine Schreibweise ist ja eine ganz andere als meine bisherige, weil er sehr blockhaft denkt. Die Holzbläser- und Blechbläserblöcke und die Streicher sind immer sehr scharf geschnitten. Meine Sprache war in den letzten Jahren sehr auf die unmerklichen Übergänge gerichtet, auf das Ineinanderverschmelzen von Klangfarben. Das habe ich in meinem letzten Stück ,Antiphon‘ aber schon aufgegeben. Und deshalb passt es jetzt ganz gut, diese scharfe Schnitttechnik, die ja eben nicht mehr auf einen runden Mischklang aus ist, in meinem neuen Stück weiterzuverfolgen. Angeregt ist das durch Beethovens Technik, aber es ist natürlich ganz anders in der Klanglichkeit."
Unausweichliche Musik

In Zeiten, da kompositorisch alles möglich, alles erlaubt ist, die heißen Gefechte um Stil, Schule und Technik Geschichte sind und kaum noch etwas schockieren kann, da haben es junge Komponisten schwer, sich im fröhlichen Nebeneinander der unterschiedlichsten Stile zu orientieren, ihren eigenen Weg zu finden. Jörg Widmann gehört zu jenen, für die das rein reflexive, aufs Material bezogene Denken in der Musik ausgedient hat. Er erreicht sein Publikum, wie sein Erfolg zeigt. Aber nicht durch Zugeständnisse an einen bestimmten Geschmack, sondern indem er seine Musik so gestaltet, dass sie einen zum Zuhören zwingt. Vielleicht fühlt sich Widmann deshalb in den letzten Jahren so sehr von der Romantik angezogen, von Robert Schumann, seinem großen Vorbild. Weil er dort das kompositorische Kalkül vorfindet, Musik in ihrem Ausdruck und ihrer Intensität so zu artikulieren, dass man ihr nicht mehr ausweichen kann.
© Verena Großkreutz
 

nach oben | übersicht zeitgenossen