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Kunst ist nicht da, um schön zu sein

Die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist "Artist in Residence" bei den Schlossfestspielen 2006

Porträt für die Stuttgarter Nachrichten vom 9.9.2006
 
Patricia Kopatchinskaja ist eine junge Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht. Ihr Händedruck ist kräftig und ihr Blick offen. Wir treffen uns vor ihrer Probe zum "Klassik Stern"-Konzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele, wo sie Schumanns Violinkonzert spielen wird. Sie schiebt mir einen Löffel zu: Ich soll von der köstlichen Eiskreation, die sie sich bestellt hat, mal probieren.
Sie sei nicht mit der Violine auf die Welt gekommen. Sie sei geboren worden, um sich auszudrücken. Dass sie das mit der Geige tue, sei Zufall, sagt sie sehr bestimmt. Weil sie in eine Musikerfamilie hineingeboren wurde. Das war 1977 im damals noch sowjetischen Moldawien. Auch ihre ältere Schwester und ihre Mutter sind Geigerinnen, der Vater spielt das Zymbalom. Die schwierigen Verhältnisse in Moldawien zwangen die Familie 1989 zur Emigration.
Von Wien erhoffte man sich eine bessere Zukunft. Dort studierte Patricia Komposition und Geige, jobbte, um sich die Ausbildung zu finanzieren. Mit 21 wechselt sie als Stipendiatin ans Berner Konservatorium. Erst da entscheidet sie sich für die Laufbahn als Solistin, als die sie heute – neben ihrem Engagement für die Kammermusik – international sehr erfolgreich ist. Die 29-Jährige lebt weiterhin in Bern, zusammen mit ihrem Mann, der Arzt ist, und ihrem 11 Monate alten Töchterchen.
"Kunst ist nicht da, um schön zu sein, sondern um das Leben zu reflektieren", betont Kopatchinskaja. Und da das Leben auch aus Dreck, Fehlern und Gewalt bestehe, müsse das auch in der Kunstmusik hörbar werden. "Unsere Ohren sind heute doch verschmutzt von der Perfektion, wie sie in den Studios produziert wird und dann auf den CDs zu hören ist." Sie vergleicht ihr Anliegen mit dem eines Seiltänzers, der sich mit Absicht vom Seil fallen lässt, um zu demonstrieren, wie gefährlich sein Job ist.
Solche Risiken gingen aber die wenigsten ein. Der heutige Konzertbetrieb erscheine ihr manchmal wie ein Leichenschauhaus. Der Druck der Tradition sei eine Last. Es fehle die Streitkultur, die Auseinandersetzung. "Sollen die Leute doch ruhig Buh rufen, ihre Meinung äußern." Kopatchinskaja spricht voller Leidenschaft. "Ich spiele Mozart so, als säße er heute im Konzertsaal. Wir sind Menschen von heute. Wir kennen Autolärm, elektrisches Licht, die Atombombe, Elvis Presley und die Rolling Stones. Warum soll das nicht auch in meine Interpretationen eingehen?" So verblüfft sie das Publikum gerne mit eigenen Kadenzen zu Mozarts Solokonzerten. In einer Zeit der Spezialisierung überrascht ihre vielseitiges Repertoire, das neben Standardwerken vor allem Zeitgenössisches aufweist. Sie habe keine Angst, Neue Musik zu spielen, wie das bei vielen Musikern der Fall sei: "Ich tue es einfach."
In der Probe mit dem Festspielorchester beeindruckt das enorme Spektrum ihres Ausdrucks, ob feurig-explosiv, stürmisch, galant oder lyrisch. Körperlich eins mit der Musik zeigt sie Mut zu langsamen Tempi und sehr leisen Tönen, zu wahrhaftigen Stimmungen. Aus dem Orchester strahlt ihr Sympathie entgegen. Sie probt barfuß, in Jeans und rotem Hemd. "Ich könnte mir gut vorstellen, mit ihr am Lagerfeuer zu sitzen und Würstchen zu grillen", sagt eine Cellistin später. Und eine Geigerin bewundert, wie sehr Kopatchinskaja hinter ihrer Musik steht, wie lebendig, hochmusikalisch sie spielt, und doch bescheiden auftritt.
Die Rezensionen ihrer Konzerte sind gespickt mit Schlagwörtern wie "eigenwillig", "in Extremen denkend", "exzentrisch". Worin sie sich denn nun wirklich von anderen Solisten unterscheide? "Die anderen, das sind die Hausschweinchen. Ich bin die Wildsau", sagt Kopatchinskaja und lacht schallend.
© Verena Großkreutz

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