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Der Dirigent Manfred Honeck über seine Arbeit als Musikdirektor beim Pittsburgh Symphony Orchestra und das Ende seiner Tätigkeit als Generalmusikdirektor an der Staatsoper Stuttgart

Interview für die Zeitschrift "das Orchester" (Ausgabe April 2010)
 
Herr Honeck, zurzeit hört man wenig Gutes aus der Musikszene der USA: Als Folge der Finanzkrise brachen in vielen Städten die Kartenverkäufe ein und wichtige Sponsoren zogen sich zurück. Für die Kulturinstitutionen, die sich bis zu 50 Prozent aus Spenden und einem oftmals ebenso hohen Anteil aus den Kartenverkäufen finanzieren, ist das ein harter Schlag. Einige Orchester sind bereits insolvent, Opernhäuser wurden geschlossen. Wie schätzen Sie als Musikdirektor des Pittsburgh Symphony Orchestra (PSO) die Lage ein?
Honeck: Die Kultur in den USA trifft es in solchen Zeiten immer sehr hart. Das liegt in der Natur der Sache, weil Orchester und Opernhäuser von den Zuwendungen durch Privatpersonen und Firmen abhängig sind. Die Gelder fließen zurzeit nicht in dem Maße, wie wir es gewohnt sind. Man ist vorsichtig geworden. Aber die Krise trifft nicht alle Häuser gleichermaßen.
Wie genau funktioniert die Orchesterfinanzierung in den USA?
Honeck: Die meisten Orchester, vor allem die großen, verfügen über sogenannte Endowments: Das sind Stiftungsfonds, also Rücklagen, die sich über die Jahre angesammelt haben und gewinnbringend angelegt wurden. Ein Endowment ist von der Größe des Orchesters abhängig. Von dem Geld steht dem Orchester etwa fünf Prozent für die Planung zur Verfügung. Beträgt das Endowment 100 Millionen Dollar, kann man also mit fünf Millionen Dollar Jahresbudget rechnen. Zum Teil hängt das Endowment mit dem Börsenmarkt zusammen. Wenn der einbricht, kann es passieren, dass die 100 Millionen Dollar plötzlich auf 80 Millionen zusammenschrumpfen. Dann bleiben nur noch vier Millionen für den laufenden Betrieb. Weil diese Abhängigkeit besteht, gibt es kein amerikanisches Orchester, das nicht irgendwie von der Finanzkrise betroffen ist.
Sie sprachen von Unterschieden? 
Honeck: Je größer das Endowment ist, umso leichter kann man die Krise wegstecken. Kleine Orchester – wie etwa das Honolulu Symphony Orchestra, das gerade bankrott gegangen ist – haben deshalb jetzt viel mehr Probleme als die großen. Die großen Orchester traf es vor allem dann, wenn schon vorher Defizite da waren, wie im Fall des Philadelphia Orchestra oder des Detroit Symphony Orchestra. Dem Chicago Symphony Orchestra zum Beispiel geht es dagegen gut. Auch das PSO kann nicht klagen. Aber auch wir müssen sparen und künstlerisch ein paar Zugeständnisse machen. Die Menschen sind wählerischer geworden. Mit besonders ausgefallenen Programmen halten wir uns momentan zurück. Das ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Der Saal muss voll sein.
Wie reagieren die Orchester auf die aktuellen Finanzprobleme? 
Honeck: Einige haben Tourneen abgesagt, bei fast allen Orchestern wurde Personal entlassen, zum Teil sehr viel. Auch das PSO musste entlassen. Allerdings wird prinzipiell nicht im künstlerischen Bereich gespart, sondern ausschließlich im Verwaltungsapparat. Im Orchester würde ich Entlassungen nicht akzeptieren. Zudem suchen wir weiter nach neuen Einnahmequellen. Wir haben eine sehr engagierte 15-köpfige Fundraising-Abteilung, die sich um die Beschaffung von Mitteln kümmert. Das Fundraising spielt für die amerikanische Kultur, anders als in Deutschland, eine bedeutende Rolle. Und da ist dieser Enthusiasmus, vom Hausmeister bis zum Präsidenten, der mich an Amerika so fasziniert. Alle arbeiten für das eine Ziel. Nur dadurch kann dieses System überhaupt funktionieren.
Pittsburgh hat nur gut 350 000 Einwohner. Es ist in den USA eher ungewöhnlich, dass eine Stadt von dieser Größenordnung ein Orchester von Weltrang beherbergt. Ist Pittsburgh so reich? 
Honeck: Pittsburgh war lange die Stahl-Metropole der USA. Hier haben einst unglaublich reiche Firmen gesessen, bis dann in den 1970er Jahren der Niedergang der Stahlindustrie begann. Man hat dann aber sehr clever reagiert und in neue Wirtschaftszweige wie die Industrietechnologie und eine moderne Medizinforschung investiert. Unser Orchester hat sich mit den neuen Firmen arrangiert. Und weiterhin leben dort wohlhabende Privatpersonen, die Kultur gerne unterstützen. Man ist allgemein sehr interessiert daran, das Orchester auf seinem international hohen Niveau zu halten.
Auch seine Konzerthalle verdankt Pittsburgh einem großzügigen Sponsoring?  
Honeck: Ja, die Heinz-Hall, der Sitz des PSO, war ursprünglich einmal ein großes Kino. In den 1970er Jahren baute man es zu einem Konzersaal mit 2700 Plätzen um, mit einer ganz hervorragenden Akustik. Das Haus gehört dem Ketchup-Hersteller Heinz, der es uns kostenlos zur Verfügung stellt. Die Familie Heinz hat die Entwicklung des PSO seit seiner Gründung 1895 sehr engagiert begleitet.
In den USA wird von Musikdirektoren erwartet, dass sie am Fundraising aktiv teilnehmen. Manche Dirigenten mögen das nicht. Was machen Sie in dieser Hinsicht für Erfahrungen?
Honeck: Ich mache das gerne. Fundraising bedeutet für mich ja nicht, betteln zu gehen. Dafür sind andere zuständig. Ich nehme lediglich teil und genieße es, mit großzügigen, hochkultivierten Menschen auf Empfängen über Musik zu plaudern. Es ist der Wunsch der Spender, auch das künstlerische Personal kennen zu lernen. Das ist doch verständlich. Wenn man bereit ist, eine Million herzugeben, dann möchte man doch wissen, wem man es gibt. Es geht mir auch darum, den Geldgebern den Sinn ihrer Investition zu erklären. Da reicht es nicht, sie auf den Besuch eines unserer Konzerte zu verweisen.
Inwieweit spielen amerikanische Orchester auf internationalen Tourneen als Türöffner für Wirtschaftskontakte eine Rolle?  
Honeck: Wirtschaftsdelegationen benutzen Orchester-Tourneen gerne, um im Anschluss an die Konzerte einen Empfang zu geben, um ihr Unternehmen zu präsentieren und neue internationale Geschäftskontakte zu knüpfen – wie ich es auch kürzlich auf unserer Chinatournee erlebt habe. Es war fantastisch zu beobachten, wie Firmen ihre Mitarbeiter und Freunde zu Konzerten des PSO in Shanghai und Beijing eingeladen und unsere Konzerte als Kommunikationsplattform genutzt haben.
Sie haben Ihren Vertrag als Musikdirektor des PSO gerade bis zur Saison 2015/16 verlängert, den als Generalmusikdirektor der Stuttgarter Staatsoper nicht. Warum?
Honeck: Ich bin Dirigent, aber auch ein Familienmensch; ich habe sechs Kinder. Neben Stuttgart und Pittsburgh habe ich auch noch Verpflichtungen als Erster Gastdirigent der Tschechischen Philharmonie. Das zukünftige Leitungsteam der Stuttgarter Staatsoper hat den Wunsch geäußert, dass ich noch länger als bisher in Stuttgart anwesend bin. Das würde jedoch bedeuten, dass ich keinerlei Möglichkeit für Gastdirigate mehr hätte, obwohl viele Anfragen international bedeutender Orchester vorliegen. Ich werde Stuttgart aber weiterhin als Gast verbunden bleiben.
Das Gespräch fand am 23. Dezember 2009 in Stuttgart statt.
© Verena Großkreutz 
  

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