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Bajazzo tritt ab

Luciano Pavarottis letztes Deutschlandkonzert in der Stuttgarter Schleyerhalle

Rezension für die Stuttgarter Nachrichten vom 17.10.2005
 

"Lache, Bajazzo, hüll’ dich in Tand und schminke dein Antlitz. Man ja hat bezahlt, will lachen fürs Geld. Geh, singe Bajazzo, du kennst doch die Welt", so spricht sich der Komödiant Canio in Leoncavallos Oper "I Pagliacci" vor seinem letzten Auftritt wild verzweifelt Mut zu.

Der Vorhang geht auf. Pavarotti sitzt schon auf der Bühne, in legerer schwarzer Tunika und buntem Schal, abgeschirmt durch einen riesigen Konzertflügel, der ihm als Notenständer dient. Davor ein pompöses Arrangement aus Strelizien und roten Rosen, eine Reminiszenz an den verblassten Ruf als Latin Lover. Seinen Platz wird Pavarotti nur zur Pause verlassen. Auf einen Flirt mit dem Publikum verzichtet er ganz. Unbeweglich schaut er meist in seine Noten. Auf der Leinwand im Hintergrund blickt man in eine dick geschminkte Maske, die Jugend hervorzaubern soll, wo keine mehr ist. Trotz Orchester und Duett-Partnerin wirkt Pavarotti einsam.

Es liegt Melancholie in der Luft. Nicht wegen des Abschieds oder der schwermütigen Ausrichtung des Programms: klavierbegleitete Lieder von Tosti und Bellini, Arien und Duette von Puccini und Mascagni, neapolitanische Weisen. Vielmehr betrauert Pavarotti eine längst vergangene Zeit, den verlorenen Glanz seiner Stimme, die nur noch eine Ruine ist. Ab und zu schimmert das samtene Timbre, die Bellezza grenzenloser Virtuosität auf, erahnt man die einstige Größe. Das Quetschen und Schmieren der Töne zugunsten eines gut getroffenen Spitzentones, die rhythmischen Ungenauigkeiten und die kleinen Aussetzer stören weniger als das fast mechanische Singen, dem jede Vitalität und Freude fehlt. Spaß an diesem Auftritt hat dieser Mann nicht. Und doch: Es muss sein. Man hat ja bezahlt!

Einem 70-Jährigen kann man diesen Auftritt nicht übelnehmen. Peinlich wird es erst, wenn man ins 8-Euro-Programmheft der Veranstalter schaut und darin abgeschmackte Phrasen liest wie: Pavarotti gelte "unbestritten als der größte aller Tenöre". Und was soll der Hinweis, man solle diesen Abend genießen "in dem Bewusstsein, den Menschen im Sudan geholfen zu haben"? Soll dies die hohen Eintrittspreise kaschieren, die zwischen 58 und 280 Euro liegen? Während der Veranstaltung ist von einem karitativen Zweck jedenfalls nicht die Rede; dabei hätte man aus der Ankündigung, den Reinerlös aus dem Ticketverkauf der Sudanhilfe zur Verfügung zu stellen, durchaus auch im Konzert selbst Akzente setzen können.

Die Stuttgarter Schleyerhalle ist mit 8000 Plätzen ausstaffiert, die fast alle besetzt sind. Die zugige, unwirtliche Atmosphäre wird durch die unausgewogene Tontechnik noch verstärkt, die jegliche Wärme aus den Stimmen und dem Orchesterklang saugt. Über jedem Ton liegt eine grell-metallische Glasur. Ganz zu schweigen vom störenden Rauschen der Lautsprecher. Das Budapester Konzertorchester MÁV schlägt sich unter der Leitung von Leone Magiera wacker, ebenso die Sopranistin Simona Todaro, die eine wohlklingende, volle Stimme besitzt. Aber die würde man lieber in einem Opernhaus hören, ohne Mikrofon. Und muss es wirklich sein, dass sie sich gerade mit einer großen Tenor-Arie, mit Franz Lehárs "Dein ist mein ganzes Herz", profiliert?

Am Ende erscheint Pavarotti todmüde. "Buona notte, buona notte" bittet er. Zum ersten Mal an diesem Abend hebt er schlaff sein quadratmetergroßes Taschentuch, sein einstiges Markenzeichen. Drei Zugaben müssen genügen. Ja, lache, Bajazzo, dann tost der Applaus!

© Verena Großkreutz
 

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