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Nomen est Omen

Jahresabschlusskonzert der Fischer-Chöre im Beethovensaal

Rezension für die Stuttgarter Nachrichten vom 30.12.2005  
  

Die ersten Jünger, die Jesus berief, waren Fischer. "Folgt mir nach, ich will euch zu Menschenfischern machen!", rief er ihnen zu, und sie kamen dieser Aufforderung stante pede nach. Vielleicht liegt es an seinem sprechenden Vor- und Nachnamen, dass Gotthilf Fischer sich anscheinend dazu berufen fühlt, als eine Art pietistischer Laienprediger durch die Lande zu ziehen, unterstützt von seinem großdimensionierten Chor, der sich aus mehreren singfreudigen schwäbischen Laienchören zusammensetzt. Auch ein Stuttgarter Sinfonieorchester und drei jugendliche, mikrofonverstärkte Solistinnen in verschiedenfarbigen Abendkleidern sind an diesem Abend im vollbesetzten Beethovensaal mit dabei. Man feiert das 60-jährige Bühnenjubiläum der Fischer-Chöre.

Auf seinem ein Meter hohen Podest scheint Fischer gelegentlich abzuheben. Seine Nähe zu Gott bekundet er gerne mal mit Worten wie "Der Papst hat einmal zu mir gesagt ...". Wie von einer Kanzel spricht er in schwäbischem Dialekt zu seinem 60-plus-Publikum, das ihm andächtig zuhört und öfters mal nickend Recht gibt. Fischer behauptet, dass der Frieden, der seit 60 Jahren in Deutschland herrsche, nicht etwa menschengemacht, sondern vielmehr der Gnade Gottes zuzuschreiben sei: "Gott nur allein kann Frieden sein". Und es folgt ein "Großer Gott, wir loben dich". Die Gemeinde stimmt sofort inbrünstig mit ein, wenn der Meister das Zeichen zum Mitsingen gibt. Denn "Wir sind alle eine singende Familie."

Neben viel Gotteslob werden Highlights aus der Zauberflöte, dem Fliegenden Holländer und dem Waffenschmied, einige Altherrenchöre und Weihnachtslieder zum Besten gegeben. Zuerst ist es ein 150-Männer-Chor mit gelb-schwarz gestreiften Krawatten, der eifrig Lieder intoniert und den zwischendurch auch mal Co-Chorleiter Werner Dippon dirigieren darf.  Später mischt sich der Chor mit gelb-beschalten Damen. Außerdem zu Gast: der Philharmonische Kinderchor Dresden und sein Leiter Jürgen Becker, die mit "Hab mein Wagen voll geladen" und "Jetzt fahrn wir übern See" einerseits nett unterhalten, andererseits unter all den Fischer-Chören ein wenig verloren wirken.

Nach der Pause – nun tragen die Herren rote Fliegen und die Damen rote Tücher – soll es dann "international" weitergehen. Nach Europahymne und "Wien bleibt Wien" bittet Fischer eine "hübsche, echte Chinesin" auf das Podest und lässt sie sehr zum Amüsement des Publikums "Guten Abend, gute Nacht" auf Chinesisch singen. Damit aber nicht genug. Unter dem Motto "Die Welt muss Deutsch lernen" lässt Fischer die junge Sängerin das Ganze noch einmal auf Deutsch vortragen. Er selbst nennt sich anschließend einen "Botschafter Deutschlands", dessen Aufgabe es sei, "deutsche Volkslieder in der Welt zu verteidigen". Applaus!

Mit "Eviva Espagna" und dem Gefangenenchor aus Nabucco – natürlich auf Deutsch – geht es ins Finale. Zu Marschrhythmen versammeln sich noch einmal alle 300 oder mehr Beteiligten auf der Bühne und intonieren leidenschaftlich "Du großer Gott schenk Frieden uns" und das "Lied der Freude", um einem der zentralen Anliegen Gotthilf Fischers Stimme zu verleihen: "Singen ist die Antwort auf alle Fragen, die das Leben stellt". Na, wenn’s so einfach wäre!

© Verena Großkreutz
 

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