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Willkommen im Himmel!

Harfengeschichten

Beitrag für die Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Ausgabe Januar 2007 
 
 
In Federico Fellinis Film "Die Orchesterprobe" rebellieren die Mitglieder eines Orchesters gegen ihren despotischen Dirigenten. Im Verlauf des Aufstandes, der in rauschhafte Gewalt, Anarchie und Chaos mündet, wird die Harfenspielerin getötet. Als die Musiker begreifen, dass die herbeigesehnte Freiheit unerreichbar bleibt, ordnen sie sich resigniert wieder dem Diktat des Maestros unter. Eine Parabel auf Totalitarismus und Faschismus, in der die Harfe eine seltsame Position einnimmt: Sie beteiligt sich nicht an der Revolution und wird doch von ihr als erste vernichtet. Gefragt, was er sich dabei gedacht habe, antwortete Fellini: "Es bedeutet, dass der Geist zum Opfer fällt."
Magische Saiten, königliches Spiel
Die Harfe ist eines der ältesten und meistverbreiteten Musikinstrumente der Menschheitsgeschichte und vielleicht das symbolträchtigste. Das liegt wohl an ihrem universalen Charakter, denn sie fand Eingang in alle Gesellschaftsschichten und erklang durch die Jahrtausende in den unterschiedlichsten kulturellen Zusammenhängen: Zauberer vollzogen mit ihr ihre magischen Riten, in den Tempeln diente sie der Gottesverehrung, und am Hofe und auf Volksfesten spielte sie zum Tanze auf. Sie war das Begleitinstrument von Dichtern und Sängern und wurde von Königen, Adeligen, Spielleuten und Wandermusikanten gleichermaßen gezupft.
Bis in die heutige Zeit verbanden sich mit der Harfe bestimmte Vorstellungen, in denen sich Heidnisches mit Christlichem mischte: Sie steht für umfassende Harmonie, Naturverbundenheit, Ursprünglichkeit, Seelentiefe, sie ist Klang Gottes und Schicksalsverkünderin. Auch sagte man ihr magische Kräfte nach. So gelang es dem jungen David, mit seinem Harfenspiel die bösen Geister, die sich König Sauls bemächtigt hatten, zu vertreiben. Und auch Orpheus, der griechische Erzpoet, soll seinen betörenden Gesang, der selbst den Rachegöttinnen die Tränen in die Augen trieb, auf der Harfe begleitet haben. Als biblisches Instrument par excellence ist sie der Liebling himmlischer Sphären. Dies gilt auch heute noch uneingeschränkt, wie ein amerikanischer Cartoon zeigt: "Welcome to heaven … Here's your harp", begrüßt ein Engel die an der Himmelspforte Wartenden und überreicht jedem eine Harfe. Die armen Sünder aber, die am Eingang der Hölle Schlange stehen, werden vom Teufel mit den Worten begrüßt: "Welcome to hell … Here’s your accordion."
Global Player
Die Wiege der Harfe ist der alte Orient, aber auch in Afrika und Asien, bei den Israeliten und im antiken Griechenland war das Instrument schon früh bekannt. Nach Europa kam sie im 8. Jahrhundert, zuerst nach Irland und Schottland, später aufs Festland. Bis dahin zupften Harfenisten meist handliche, gut transportierbare Instrumente, die zwischen 5 und 25 Saiten besaßen. Trotz vielfältiger Formen und Größen sind allen Harfen drei Bauelemente gemeinsam: Der Schallkasten, der Hals und die Saiten, die senkrecht zum Schallkasten stehen. In Europa setzte sich ein neuerer Harfentyp durch, der im Gegensatz zu den älteren Bogen- und Winkelharfen durch Hinzufügung einer Vorderstange einen geschlossenen Rahmen bildete. Diese Rahmenharfe war stabiler und hielt die Stimmung besser.
Neue Techniken zur Stimmungsvielfalt
Zum Wesen der Harfe gehört ihre diatonische Ausrichtung, also die Stimmung in einer bestimmten Tonart, das heißt: Pro Oktave stehen ihr nur sieben unterschiedliche Töne zur Verfügung. Gut für harmonisch einfach strukturierte Liedbegleitung, schlecht für harmonisch kompliziertere Vorgänge. So begann ab dem 16. Jahrhundert ein emsiges Experimentieren, um aus der Harfe ein chromatisches, in allen Tonarten spielbares Instrument zu machen. So wurde beispielsweise der diatonischen Saitenreihe eine oder gar zwei zusätzliche Reihen mit den fehlenden Halbtönen beigefügt. Gegenüber diesen Doppel- und Tripelharfen, die recht schwierig zu spielen waren, bedeutete die Erfindung der Tiroler Hakenharfe schon ein Schritt in die richtige Richtung: Sie war diatonisch gestimmt, aber durch drehbare Haken am oberen Ende jeder Saite konnten diese um einen Halbton erhöht werden. Nachteil: Für das Umstimmen musste eine Hand das Spiel unterbrechen.
Die entscheidende Wende im Harfenbau brachte die "Tretharpfe", die um 1720 von Jakob Hochbrucker in Bayern entwickelt wurde: Mittels fünf, später sieben Pedalen konnten die Tonstufen der diatonischen Skala mit den Füßen jeweils um einen Halbton erhöht werden, so dass Modulationen in andere Tonarten möglich wurden, ohne das Spiel der Hände zu stören. Auf diesem Prinzip baute auch der Pariser Klavierbaumeister Sébastien Érard auf, als er um 1810 seine Doppelpedalharfe konstruierte: Durch eine zusätzliche Raststellung konnten die sieben Pedale jetzt jeden Ton und seine Oktavlagen stufenweise sowohl um einen Halb- als auch um einen Ganzton erhöhen. Dadurch wurden sämtliche Tonarten zugänglich, die moderne Konzertharfe war geboren.
Beinahe die Größte 
Die Folge dieser Entwicklung: Eine Harfenistin hat es heute schwer. Sie muss eine Stunde vor ihrem Konzert mit der Vorbereitung beginnen, denn sie hat gewöhnlich 47 Saiten zu stimmen. Und wenn sie sich mal einen Fuß verstaucht, muss sie ihren Auftritt absagen. Ihr Instrument ist mühsam zu transportieren: Es wiegt bis zu 40 Kilo und ist 1,80 Meter groß. Damit ist die Harfe nicht nur die Riesin unter den Saiteninstrumenten, sondern abgesehen von Orgel und Flügel auch das größte überhaupt. Und das schönste noch dazu: Meist aufwendig verziert, hat sie sich einen Hauch von Exklusivität bewahrt.
Die Grundstimmung der heutigen Harfe ist Ces-Dur, ihr Tonumfang fast so groß wie der des Klaviers. Die am Resonanzboden befestigten Saiten aus Darm oder Nylon werden durch Anzupfen mit den Fingerkuppen beider Hände (fast immer ohne den 5. Finger) zum Schwingen gebracht. Die harfentypischen Spieltechniken sind Arpeggio, Glissando, Près de la table (Anschlag nahe am Corpus), das Spiel mit dem Plektrum, Bisbigliando ("Geflüster": schnelle Tonrepetition mit beiden Händen), Étouffé (Abdämpfen der Saite) und Flageolett.
Eine Leisetreterin
Die Harfe ist gemessen an ihrer Größe die Leisetreterin unter den Instrumenten. Ihr Klang ist unbestimmt, schmelzend und immer in Bewegung: zart-silbrig verwehend, hell-glänzend rauschend, weich plätschernd und auch mal als wilde Kaskade daherkommend. Das war nicht immer gefragt. Im Barock und in der Klassik etwa behandelten die Komponisten die Harfe eher stiefmütterlich. So berichtet etwa Christian Friedrich Daniel Schubart 1784: "Heutigen Tages wird die Harfe zwar durch ganz Europa gespielt, nie aber in Kirchen, und nur höchst selten in Privatkonzerten gebraucht. Die Orgel und der Flügel haben sie aus diesen Versammlungen verdrängt. Wer also Harfe spielen will, tut es für sich."
In der Romantik änderte sich das. Ihren Platz im öffentlichen Musikleben fand sie zunächst in der Oper, wo sie als Farb- und Symbolträgerin eingesetzt wurde: etwa bei Chor- und Ballettauftritten, Sakralszenen, Märchenstimmungen, Spuk- und Zauberszenen oder als Attribut von Barden und Minnesängern. Erst nach und nach wurde ihr besonderer Klangcharakter (unabhängig von ihrer Symbolik) als eigenständige Farbe für den Orchesterapparat entdeckt, und bei so manchem Komponisten – etwa Puccini oder Wagner – gehörte sie zum festen Instrumentarium (Wagner verlangt im "Ring" sogar sechs von ihnen!). Vorreiter war hier Frankreich, wo das Instrument besonders geschätzt wurde. So gelang ihr der Sprung ins Symphonieorchester bezeichnenderweise über die Symphonischen Dichtungen Hector Berlioz’, und hier entfaltete sich im Impressionismus – der mit seinem Primat des Klanges vor der Melodie dem Harfentonfall besonders nahesteht – eine wahre Blüte anspruchsvoller Harfenliteratur (vor allem von Debussy).
Jetzt übernahm die Harfe verstärkt auch solistische Funktionen und gewann in der Kammermusik an Bedeutung. Eine Tendenz, die sich bis heute fortgesetzt hat und auch die Entwicklung vieler neuer Spieltechniken und Klangeffekte mit sich brachte. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass sich die Harfe mehr und mehr von ihrer Symbolik (und ihrem zuweilen kitschigem Image) freischwimmt.
© Verena Großkreutz
 

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