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Fußball und Musik

Auch Orchestermusiker tun "es"

Artikel für das Leipziger GewandhausMagazin, Ausgabe Sommer 2009
 
 
Geheime Verbindungen 
Es besteht schon ein gewaltiger Unterschied zwischen der brodelnden Atmosphäre eines Fußballstadions, in dem gerade zwei Bundesligamannschaften aufeinander treffen, und jener kontemplativen Stimmung, die im Konzerthaus während eines Sinfoniekonzerts herrscht. Und doch scheint es geheimnisvolle Verbindungen zwischen diesen so diametral entgegengesetzten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zu geben. Das drückt sich schon in der Sportreportersprache aus: Da ist vom Mannschaftskapitän die Rede, der seine Mitspieler "dirigiert", da ist die Mannschaft glänzend aufeinander "eingespielt", da spielt der Stürmer gerne "die erste Geige", und da sorgt der Mittelfeldstar dafür, dass die Mannschaft "ihren Rhythmus" findet.
Da Sinfoniekonzerte gewöhnlich nicht live kommentiert werden, gibt es umgekehrt eher weniger sprachliche Parallelen in der Berichterstattung, obwohl es Stoff genug gäbe: Dass bestimmte Instrumente in vielen Stücken nur recht "geringe Spielanteile" haben oder schnell mal "ins Abseits" geraten, träfe die Sache zuweilen genauso wie, dass gewisse Solisten gerne eitel "davondribbeln" oder ein lyrisches zweites Thema es schwer hat, sich "gegen den Druck" des ersten durchzusetzen. Und jeder, der regelmäßig Konzerte besucht, kann ein Lied davon singen, dass sich Orchestermitglieder zuweilen die Akkorde "zäh zuschieben" oder gar "auf Zeit spielen".
Die sichtbaren Aktivitäten innerhalb eines Fußballspiels wie Bewegung, Strategie, Taktik, Struktur und Zielgerichtetheit lassen sich mit einem Augenzwinkern durchaus auf die inneren Vorgänge von Musik – sofern es sich um ein Sinfoniekonzert handelt – übertragen. Und man könnte sogar behaupten, dass das äußerliche emotionale Brodeln im Fußballstadion sich im Konzertsaal nach Innen gekehrt in den Werken selbst wiederfindet. Teamgeist und Kreativität sind freilich bei den Protagonisten beider Seiten gleichermaßen gefragt. Und Emotionen und Glücksgefühle setzen beide frei: das entscheidende Tor der Lieblingsmannschaft genauso wie Tschaikowskis sinfonische Schlussapotheose.
Besser mit Mozart? 
Giovanni Trapattoni, der sich als Fußballtrainer vor allem mit einer sprachlich desaströsen Rede ein Denkmal setzte, sagte im Sommer 2008 in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: "Wer Mozart hört, kann auch besser Fußball spielen." Man lerne viel über Spannungen, Tempo, Rhythmus, den Aufbau, die Strukturen und die Logik, ein Spiel zu lesen.
Auszuschließen ist das nicht. Indes: Eine Versuchsreihe zu diesen Thesen lässt auf sich warten. Auf Fußballerseite bleibt es wohl Utopie, dass dort klassische Musik gehört wird zur Verbesserung der Taktik. Zumindest ist Trapattoni der erste, der sich diesbezüglich geoutet hat. Von Ballack, Podolski und Co. ist in dieser Hinsicht nichts zu vermelden und wohl auch nicht zu erwarten.
Fangesänge 
Musik gibt es aber noch und noch in deutschen Fußballstadien. Doch anders als im Konzertsaal macht sie hier das Publikum selbst: ohrenbetäubend, männlich, archaisch-anarchisch. Hier geht es um anfeuerndes Kampfgebrüll für die eigene Mannschaft, vor allem auch um die Diffamierung des Gegners. Der Musikwissenschaftler Reinhard Kopiez hat sich in seinem Buch "Fußball-Fangesänge – eine Fanomenologie" mit dem Phänomen der Schmähgesänge intensiv auseinandergesetzt. Auf den Tribünen sei der Fan ein Mitspieler, er könne nach seinem Empfinden das Gesamtkunstwerk aus Spiel und Drumherum mitgestalten und vor allem auch nach seiner Überzeugung Einfluss nehmen auf den Ausgang des Spiels, so Kopiez.
Nach englischem Vorbild, wo sich der Fangesang in den 1960er Jahren parallel zur Popmusik-Kultur entwickelte, bedient man sich dabei diverser Refrainzeilen aus Pop-Hits, die dann – gemäß dem altbekannten musikalischen Parodieverfahren – möglichst originell umgetextet werden. "Die Charts waren die Grundlage für die Entstehung von Fangesängen. Dadurch erreichten Melodien eine fast hundertprozentige Bekanntheit im Publikum", schreibt Kopiez. "Dies dürfte der Hauptgrund sein, weswegen uns aus den vorhergehenden Jahrhunderten von der Antike bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts keine wirkliche Fangesangskultur bei Sportereignissen bekannt ist."
Kopiez hat herausgefunden, dass die jeweiligen Fangruppierungen in einem einzigen Spiel um die 100 gesanglichen Interventionen von sich geben und dabei nicht etwa nur drei, vier Phrasen grölen, sondern um die 30 bis 50 verschiedene Melodien aus dem Pop-Repertoire. Die Sängermassen werden immer wieder durch einen "Anstimmer" im Stadion – meist erfahrene, anerkannte "Oberfans" – zum Singen animiert.
Die Melodien sind einfach gebaut oder auf einfache Prinzipien reduzierbar, auch in rhythmischer Hinsicht. Schließlich muss der Gesang der Massen ja ohne Dirigent koordiniert werden. Gefragt sind deshalb geradtaktige, kurze Melodien mit geringem Tonumfang und frei von Vorhalten, Synkopen und Leittönen. Außerdem muss die Melodie für eine "Endlosschleife" geeignet sein, also für beliebig viele Wiederholungen. Das trifft natürlich auch auf die "Mutter" aller Fangesänge zu, die die Refrainzeile des Beatles-Songs "Yellow Submarine" verwendet. Es sind diverse Umtextungen dieser Liedzeile im Umlauf: Vom bekannten "Zieht den Bayern die Lederhosen aus!" über "Eins, zwei, drei, und wieder mal vorbei!" (nach einem Fehlschuss des Gegners) oder "Ihr seid nur ein Karnevalsverein!" (gemünzt auf den 1. FC Köln).
Wer die Internetseite "www.fangesaenge.de" besucht, deren Anliegen eine möglichst komplette Sammlung aller Fangesänge in Deutschland in Hörbeispielen ist, findet übrigens auch Parodien von klassischer Musik – allen voran natürlich Verdis "Triumphmarsch".
Bemerkenswert ist, dass Versuche von Fußballvereinen, offizielle Hymnen unter die Fans zu bringen oder gar – wie in den 1970er Jahren in England – das Massensingen von einem Dirigenten leiten zu lassen, regelmäßig scheiterten. Die Gesänge in den Fankurven leben davon, dass sie nicht "von oben" gesteuert werden.
Kickende Musiker 
Die Begeisterung für den Fußball macht auch vor Sinfonikern nicht halt. Fußball ist eine der beliebtesten und am weitesten verbreiteten Sportarten weltweit, und es wäre töricht zu glauben, diese ginge an der sogenannten Hochkultur vorbei. Abgesehen vom passiven Interesse am Fußball – das hier wie überall reichlich vorhanden ist – entspannen sich Trompeter, Geiger und Paukisten nach disziplinierter Probe gern mal auf dem Bolzplatz. Eine stichprobenartige Umfrage bei deutschen Orchestern ergab, dass es sie durchaus gibt: die kickenden Musiker. Nicht in allen Orchestern, und wo es sie gibt, dort ist auch nicht gleich der ganze Klangkörper aktiv. Aber es ist kein Einzelfall, dass sich Leipziger Gewandhausmusiker wöchentlich zum Kicken verabreden. Auch die Musiker des Kölner Gürzenich-Orchesters oder jene von der Dresdner Philharmonie tun "es". 
Eine Hochburg in dieser Hinsicht stellt Berlin da: Hier findet jährlich zum Ende der Saison ein Fußballcup der Berliner Orchester statt, in dem acht Mannschaften gegeneinander antreten. Alle machen mit: Die Berliner Philharmoniker, das Konzerthausorchester, die Klangkörper von Deutscher Oper und Komischer Oper, die Staatskapelle, das Deutsche Symphonie-Orchester und das Rundfunk-Sinfonieorchester – und ergänzend das Musikgymnasium Carl Philipp Emmanuel Bach. Jeder tritt gegen jeden an. Vereinzelt spielen sogar Frauen mit. Der amtierende Meister sind die Berliner Philharmoniker. Deren Pressesprecherin Elisabeth Hilsdorf erklärt, die Spielregeln beim Cup seien sehr streng, um der Verletzungsgefahr entgegenzuwirken. Fouls seien absolut verboten, ebenso das "hohe Bein". Überhaupt sei es ein eher körperloses, sehr technisch ausgerichtetes Spiel, was die Musiker betrieben, so Hilsdorf. Die Verletzungsquote beim Turnier sei deshalb extrem gering.
Ein ausgeschlagener Zahn wäre für einen Trompeter in der Tat eine existenzielle Katastrophe und bei so gut wie allen Musikanten ebenso ein gebrochener Finger. Deshalb frönen viele Orchestermusiker eben auch nicht aktiv dem Fußball, sondern bevorzugen sanftere Sportarten wie Rennradfahren oder Marathonlauf.
Alleingänge 
Tumultuöse Zustände, verbunden mit körperlichen Attacken auf Seiten des Publikums, gab es im Bereich der Kunstmusik in früheren Zeiten häufiger mal. Man denke etwa an die Saalschlacht während der Uraufführung von Strawinskys "Le sacre du printemps" in Paris 1913, in der gelärmt, gespuckt, geohrfeigt und beleidigt wurde. Solch krasse Meinungsäußerungen gibt es heute nicht mehr. Zu spezialisiert ist das Publikum, das bei Uraufführungen anwesend ist und stets recht genau weiß, was es erwartet. Im Allgemeinen verhalten sich die Zuhörer gesittet, sitzen still und starr und lauschen andächtig den Vorgängen auf dem Podium. Und das Orchester – sieht man einmal vom Dirigenten ab – bewegt sich diszipliniert, geordnet, die Streicher eins im Auf- und Abstrich, jeden Fingerzeig des Taktgebers konzentriert befolgend. Selbst ein leises Husten geht im Konzertsaal gehörig auf die Nerven. Da spiegelt sich in einem Fußballspiel trotz seinen Regeln doch mehr Freiheit wider. Alleingänge sind hier durchaus möglich – im Sinfoniekonzert dagegen selbst für die Solisten nur in der Kadenz.
Raritäten 
Der Manager des russischen Fußballclubs "Zenit Sankt Petersburg" Ilja Tscherkassow wurde 2006 Intendant der St. Petersburger Philharmoniker – genau in dem Jahr, als man den 100. Geburtstag Dmitri Schostakowitschs feierte. "Zenit" war Schostakowitschs Lieblingsmannschaft, der er sein ganzes Leben lang treu blieb. "Diese Anhängerschaft bringt manchmal mehr Frustration als Freude", schrieb er einmal einem befreundeten Sportjournalisten. Schostakowitsch ging ins Stadion, wann immer er Zeit hatte, las regelmäßig Sportzeitungen, hörte Fußballreportagen im Radio, freundete sich mit Sportjournalisten und Spielern an und gedachte sogar zeitweise, sich selbst am Spielgeschehen zu beteiligen: Er besuchte 1935 die Schiedsrichterschule.
Die Schostakowitsch-Biographin Sofia Hentowa vermutet, ohne Fußball hätte der Komponist sein Leben zwischen intellektueller Anspannung und ständigen politischen Zwängen nicht ausgehalten. "Das Stadion ist in diesem Land der einzige Ort, wo man laut die Wahrheit über das sagen kann, was man sieht", soll Schostakowitsch einmal geäußert haben – eine Wahrheit, die er in Form einer privaten Fußballstatistik dokumentierte: Er notierte akribisch Spielergebnisse, Punktzahlen, Torverhältnisse, die Namen der Torschützen.
Es wundert deshalb nicht, dass Schostakowitsch eines der wenigen Werke der Kunstmusik komponiert hat, die sich mit dem Phänomen Fußball auseinandersetzen: 1929 schrieb er die Musik zum Ballett "Das goldene Zeitalter". Im Mittelpunkt steht ein Fußballduell zwischen zwei Systemen – dem kapitalistischen und dem sowjetischen.
Solcherart sportliche Kompositionen sind eine Rarität. Zumindest inhaltlich scheint die profane Welt des Fußballs, welcher das Volk durch alle Schichten in seinen Bann zieht, der hehren Sphäre der kunstreligiösen Musentempel nicht angemessen. Von jeher wollte sich die bürgerliche Kultur mit ihrer hochkomplexen, feinsinnigen, erbauenden, freilich auch emotional aufwühlenden Musik abgrenzen gegen alles vermeintlich Grobe, Gewöhnliche, Urtümliche, Barbarische. Sollte sich das elitär ausgerichtete bürgerliche Konzertwesen in seiner überkommenen Form aufrechterhalten, wird das vermutlich so bleiben. Sollte sich allerdings das befürchtete Szenario einer verdämmernden Kultur bestätigen, dann werden sich die Grenzen in der Kunstmusik wohl öffnen: Dann bleiben vermutlich Moritz Eggerts 2006 komponiertes Fußballoratorium "Die Tiefe des Raumes" oder die 1994 uraufgeführte Fußballoper "Playing away" des britischen Komponisten Benedict Mason keine Einzelflle mehr und eine Fußballsinfonie keine Utopie.
© Verena Großkreutz
 

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